Wildwuchs-Post: Der krumme Baum
Warum dein Leben kein gerader Weg sein muss.
Jetzt ist Mittwoch. Jetzt ist deine Zeit.
Und heute wird es persönlich.
An der Wand gegenüber meines Bettes hängt ein Satz. Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlage, ist er das Erste, was ich lese:
„Der krumme Baum lebt sein Leben, der gerade wird ein Brett.” – altes chinesisches Sprichwort
Seit etwa zwei Jahren hängt er dort. Und seitdem hat er sich in mein Denken eingebrannt. Nicht als hübscher Spruch. Sondern als Wahrheit, die ich am eigenen Leib erfahren habe.
Was der Wald mich über diesen Satz gelehrt hat
Geh mal mit offenen Augen durch einen Wirtschaftswald. Du siehst Reihe um Reihe gerader Fichten. Schnurgerade, gleichmäßig, effizient. Aufgezogen für einen einzigen Zweck: gefällt zu werden. Bretter, Balken, Bauholz.
Und dann, irgendwo am Wegrand, steht einer, der aus der Reihe fällt. Krumm gewachsen. Äste in alle Richtungen. Vielleicht hat ihn der Wind gebogen. Vielleicht hat er sich zum Licht gestreckt, das woanders hinkam als geplant. Er taugt nicht als Brett. Und genau deshalb steht er noch. Seit Jahrzehnten. Oder gar noch länger.
Dieser Baum hat keine Karriere gemacht. Aber er lebt.
20 Jahre geradeaus
Ich kenne das Gefühl, ein gerader Baum zu sein. 20 Jahre lang habe ich als CAD-Konstrukteur in der Automobilindustrie gearbeitet. Kunststoff, Kautschuk, technische Zeichnungen. Ich war gut darin. Ich habe mich spezialisiert, weitergebildet, bin in der Hierarchie aufgestiegen. Alles lief nach Plan.
Von außen betrachtet war alles in Ordnung. Guter Job. Sicheres Einkommen. Klarer Weg.
Aber irgendwann – und das kam nicht an einem bestimmten Tag, sondern schleichend – habe ich gemerkt: Ich funktioniere nur noch. Ich wachse nicht. Ich werde gerade geschnitten, damit ich irgendwann ein brauchbares Brett abgebe.
Und ich habe mich leise gefragt: Ist das alles?
Vielleicht kennst du das
Vielleicht sitzt du gerade an deinem Schreibtisch und liest das zwischen zwei Meetings. Vielleicht hast du seit Jahren den gleichen Job, die gleiche Routine, die gleichen Abläufe. Du bist gut darin. Niemand beschwert sich. Es läuft.
Aber abends auf dem Sofa, wenn es still wird, fragst du dich leise: Ist das alles?
Das ist kein Versagen. Das ist dein innerer Kompass, der dir sagt: Du wächst nicht mehr. Du wirst gerade geschnitten.
Wir werden früh darauf trainiert, gerade zu wachsen. Schule, Ausbildung, Studium, Beruf – alles folgt einer Linie. Du spezialisierst dich. Du bildest dich weiter in genau dem Bereich, in dem du ohnehin schon arbeitest. Du steigst auf. Du schaust nicht nach links und rechts. Die Gesellschaft sagt: Das ist der Weg. Und du folgst.
Aber irgendwann merkst du: Wer nur geradeaus wächst, verliert die Äste. Und mit ihnen das, was das Leben lebendig macht.
Die interessantesten Geschichten gehören den krummen Bäumen
Achte mal darauf, wenn du Menschen triffst, die richtig etwas zu erzählen haben. Menschen, die Tiefe haben. Die lebendig wirken, nicht nur beschäftigt.
Fast immer sind das Menschen, die irgendwann die Richtung gewechselt haben. Die nicht den geraden Weg gegangen sind, sondern einen Umweg gemacht haben. Oder zwei. Oder fünf.
Ich habe irgendwann angefangen, in andere Richtungen zu wachsen. Ich habe mir zwei Jahre genommen, mich umgeschaut. Ich habe eine Ausbildung zum Waldbademeister gemacht. Ich habe Dinge ausprobiert, die nichts mit CAD zu tun hatten. Mein Umfeld hat das nicht immer verstanden.
Aber zum ersten Mal seit Langem habe ich mich wieder lebendig gefühlt. Nicht effizient. Nicht optimiert. Lebendig.
Der Wald kennt kein „Du musst noch”
Was mich im Wald immer wieder berührt: Kein Baum fragt sich, ob er genug leistet. Kein Baum vergleicht sich mit dem Baum nebenan. Kein Baum optimiert sein Wachstum für den nächsten Quartalsbericht.
Ein Baum wächst. In seinem Tempo. In seine Richtung. Manchmal schnell, manchmal langsam. Manchmal krumm. Und genau das macht ihn stark.
Wenn du im Wald stehst und einen dieser alten, knorrigen Bäume anschaust, dann spürst du das. Da ist etwas Ruhiges. Etwas, das sagt: Ich bin, wie ich bin. Und das reicht.
Dein Impuls für diese Woche
Wald-Version: Geh in den Wald und such dir bewusst einen krummen Baum. Einen, der nicht in die Reihe passt. Stell dich vor ihn und schau ihn an. Dann frag dich: Wo in meinem Leben wachse ich gerade nur noch geradeaus, weil es von mir erwartet wird? Und wo würde ich eigentlich gerne einen Ast in eine andere Richtung strecken?
Du musst die Antwort nicht sofort haben. Es reicht, die Frage zuzulassen.
Alltags-Version: Nimm dir heute Abend fünf Minuten. Setz dich hin, ohne Handy, ohne Ablenkung. Und schreib dir eine ehrliche Antwort auf diese eine Frage: Wann habe ich das letzte Mal etwas getan, nur weil es mich interessiert hat – nicht weil es nützlich war, nicht weil es erwartet wurde, nicht weil es auf meinem Weg lag?
Wenn dir nichts einfällt, ist das kein Problem. Es ist ein Anfang.
Du musst kein Brett werden
Ich sage nicht: Kündige morgen deinen Job. Darum geht es nicht. Es muss nicht gleich alles anders werden.
Manchmal reicht ein einziger Ast in eine neue Richtung. Das Hobby, das dich schon lange interessiert, aber für das nie Zeit war. Der Kurs, den du immer wieder aufgeschoben hast. Der Spaziergang ohne Ziel, einfach weil du Lust darauf hast. Auch das ist Wachstum. Auch das macht dich weniger Brett und mehr Baum.
Hör auf das leise Fragen in dir. Das „Ist das alles?” ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen, dass du noch lebendig bist. Dass da noch Äste wachsen wollen.
Der Satz an meiner Wand erinnert mich jeden Morgen daran. Vielleicht erinnert er ab heute auch dich.
Bis bald im Wald.
Dein Peter
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Über Peter
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Ich bin Experte für Stressresilienz und leidenschaftlicher Waldbader – und ich weiß: Die beste Antwort auf einen hektischen Büroalltag wächst oft direkt vor unserer Tür.
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Mein Ziel ist einfach: Dir helfen, wieder bei dir anzukommen. Den Kopf freizubekommen. Und zu merken, dass die Ruhe, die du suchst, bereits auf dich wartet.
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