Wildwuchs-Post: Waldgeister – Warum du wieder lernen solltest, Unsinn zu sehen
Keine Angst. Es wird nicht esoterisch. Es wird besser.
Jetzt ist Mittwoch. Jetzt ist deine Zeit.
Und heute muss ich dir etwas gestehen.
Ich glaube an Waldgeister und Kobolde.
Na ja. Fast. Lass mich erklären, bevor du weiterscrollst.
Feen, Zwerge und ein erwachsener Mann im Wald
Es gibt ein altes Buch, das heißt „Die andere Seite des Waldes”. Geschrieben von Tim von Lindenau, einem Mann, der neun Monate lang allein im Wald gelebt hat. Er beschreibt darin die Welt der Wichtel, Feen und Waldgeister. Und dann gibt es Sam Hess, einen Schweizer Förster, der jede Woche mit Menschen in den Wald geht, um ihnen zu zeigen, wie man Naturgeister wahrnehmen kann.
Spätestens jetzt denkst du: Peter, was ist los mit dir?
Berechtigte Frage. Ich bin auch nicht sicher, ob meine Leser schon bereit sind für diesen Text.
Aber bleib noch einen Moment. Denn es geht hier nicht darum, ob es Waldgeister gibt. Es geht darum, was passiert, wenn du dir erlaubst, sie dir vorzustellen.
Der Hohlweg
Letzte Woche war ich im Spessart unterwegs. Ein alter Hohlweg, einer von denen, die sich über Jahrhunderte in die Landschaft gegraben haben. Links und rechts stehen die Bäume so, dass ihre Wurzeln durch den Wegrand brechen. Überall kleine Höhlen, verschlungenes Wurzelwerk, moosbedeckte Nischen.
Und plötzlich – ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll – plötzlich sah ich es.
Nicht Waldgeister. Aber Orte, an denen sie wohnen könnten.
Diese kleine Höhle unter der Buche – da würde einer sitzen, bestimmt. Grummelig, mit Moos im Bart. Und dort drüben, wo drei Wurzeln einen Bogen bilden – das wäre ein Eingang. Ganz klar.
Ich stand da, ein erwachsener Mann Mitte vierzig, und habe mir ausgemalt, wer in diesen Wurzeln wohnt. Und ich habe gelächelt. Nicht, weil ich den Verstand verloren habe. Sondern weil ich für einen Moment etwas wiedergefunden habe, das ich lange nicht mehr gespürt hatte.
Das Kind, das du vergessen hast
Wann hast du das letzte Mal so geschaut? Wann hast du das letzte Mal etwas gesehen, das nicht da war – und es genossen?
Als Kinder konnten wir das mühelos. Jeder Stock war ein Schwert, jede Pfütze ein Ozean, jeder Busch ein Versteck für Räuber oder Feen. Wir haben nicht gefragt, ob das Sinn macht. Wir haben einfach gespielt.
Und dann? Dann kam die Schule. Dann die Ausbildung. Dann der Job. Dann die Verantwortung. Und irgendwann hat uns jemand beigebracht, dass Fantasie Kinderkram ist. Dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren soll. Dass es im Leben um Ergebnisse geht, nicht um Vorstellungen.
Das Problem ist: Unser Gehirn sieht das anders.
Was die Forschung über das Spielen weiß
Der Psychiater Stuart Brown hat in seinem Buch „Play” jahrelang erforscht, was passiert, wenn Erwachsene aufhören zu spielen. Sein Ergebnis ist ernüchternd: Wer sich kein spielerisches Denken mehr erlaubt, wird anfälliger für Burnout, verliert an Kreativität und emotionaler Widerstandskraft.
Umgekehrt zeigt die Forschung: Wenn wir spielerisch denken, fantasieren oder uns in eine Vorstellungswelt hineinbegeben, passiert etwas Messbares. Der Cortisolspiegel – das ist unser Stresshormon – sinkt. Gleichzeitig steigen die Endorphine. Wir fühlen uns leichter, wacher, lebendiger.
Und jetzt kommt der Clou: Es braucht dafür kein Brettspiel und keinen Spielplatz. Es braucht nur die Erlaubnis, etwas zu sehen, das nicht da ist. Einen Zwerg in einer Wurzelhöhle, zum Beispiel.
Warum der Wald der perfekte Ort dafür ist
Im Büro kannst du nicht einfach anfangen zu fantasieren. Da wirst du schief angeschaut. Aber im Wald? Im Wald ist alles schon da. Die Formen, die Gesichter, die Eingänge. Du musst sie nur sehen wollen.
Das Moos auf dem Stein sieht aus wie ein Bart. Die Astgabel erinnert an ein Gesicht. Der umgestürzte Baum bildet eine Brücke in eine andere Welt. Alles da. Schon immer.
Im Volksglauben waren die Wälder voll von solchen Wesen. Elfen im lichten Eichenwald. Kobolde zwischen den Wurzeln. Waldgeister, die durch das Unterholz streifen. Das waren keine verrückten Menschen, die sich das ausgedacht haben. Das waren Menschen, die den Wald anders angeschaut haben als wir es heute tun: nicht als Nutzfläche. Sondern als lebendigen Ort mit eigener Seele.
Vielleicht waren die gar nicht so weit weg von der Wahrheit.
Dein Impuls für diese Woche
Wald-Version: Geh in den Wald und such dir einen alten Baum mit sichtbaren Wurzeln. Einen knorrigen, einen verwachsenen. Und dann schau genau hin. Nicht als Erwachsener, der Baumarten bestimmt. Sondern als Kind, das sich fragt: Wer wohnt denn hier?
Gib dir die Erlaubnis, Unsinn zu sehen. Erfinde eine Geschichte. Nur für dich. Du musst sie niemandem erzählen.
Achte darauf, wie sich das anfühlt. Wahrscheinlich wirst du lächeln. Und wahrscheinlich wirst du merken: Das habe ich lange nicht mehr gemacht.
Alltags-Version: Du kommst nicht in den Wald? Dann mach es zu Hause. Schau dir ein Foto von einem alten Wald an – oder den Baum vor deinem Fenster. Und stell dir für zwei Minuten vor, was dort leben könnte. Keine Analyse. Einfach nur: Was wäre, wenn…?
Erlaub dir ein wenig Fantasie. Dein Gehirn wird es dir danken.
Es geht nicht um Waldgeister
Es geht darum, dass du dir selbst erlaubst, nicht zu funktionieren. Dass du dir erlaubst, etwas zu sehen, das keinen Zweck erfüllt. Etwas, das nur schön ist. Oder seltsam. Oder lustig.
Wir haben verlernt zu spielen. Nicht weil wir zu alt sind. Sondern weil wir glauben, dass wir zu alt dafür sind.
Der Wald weiß es besser.
Bis bald im Wald.
Dein Peter 🌿
Lesetipps zum Thema: Tim von Lindenau – „Die andere Seite des Waldes” (Neue Erde Verlag), Sam Hess – „Die Welt der Naturgeister” (Scorpio Verlag)
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Über Peter
Dein Guide für die wöchentliche Wald-Stunde
Ich bin Experte für Stressresilienz und leidenschaftlicher Waldbader – und ich weiß: Die beste Antwort auf einen hektischen Büroalltag wächst oft direkt vor unserer Tür.
Ich verbinde fundiertes Wissen aus der Resilienzforschung mit der heilenden Kraft des Waldes. Nicht um dir noch mehr Techniken beizubringen, sondern um dir zu zeigen, dass echte Entspannung keine Ferienplanung braucht – sie braucht nur einen Waldspaziergang.
Mein Ziel ist einfach: Dir helfen, wieder bei dir anzukommen. Den Kopf freizubekommen. Und zu merken, dass die Ruhe, die du suchst, bereits auf dich wartet.
Lust, das gemeinsam zu erleben? Dann begleite mich bei meinem nächsten Workshop. Der Wald und ich, wir sind für dich da. 💚


